ostkolonisation
Die Ostkolonisation und ihre Folgen für die deutsche Sprache
Für den hier zu beschreibenden Vorgang gibt es viele mögliche Bezeichnungen. Der Begriff Ostkolonisation ist dabei wohl der Bekannteste, „deutsche Ostsiedlung“, „mittelalterliche Ostbewegung“ oder andere Kombinationen mit ähnlicher Lautung sind ebenso vorhanden und begründbar. Genauso vielfältig wie die verschiedenen Bezeichnungen sind die damit gemeinten Zeiträume und eigentlichen Besiedlungsvorgänge. Während des Mittelalters vom 8. – 14. Jahrhundert fand ein Zuzug Richtung Osten von germanischstämmiger Bevölkerung statt. Es hat sich dabei nicht nur um deutschsprachige Menschen gehandelt, sondern beispielsweise auch um Niederländer und Luxemburger. Die Besiedlung erfolgte in mehreren Phasen, die mehr oder weniger „Einzelaktionen“ darstellen. Unterschiedliche push- und pull-Faktoren, die Anzahl der wandernden Siedler, soziale und regionale Herkunft müssen zur Differenzierung herangezogen werden.
Unter Karl dem Großen kam es zu ersten kriegerischen Landnahmen im Norden und Osten. Im Norden werden die Sachsen unterworfen und fränkische Bevölkerung angesiedelt. An den östlichen Grenzen kam es ebenfalls zu kriegerischen Auseinandersetzung und erste Teile des slawisch sprechenden Raumes wurden ins Frankenreich eingegliedert. Unter den sächsischen kaisern kommt es 928/29 zu einem Kampf gegen die Slawen, bei dem vier slawische Stämme unterworfen werden. Wenig später werden auch die Ungarn geschlagen und der böhmische Herzog besiegt. Wichtigstes Datum ist hier wahrscheinlich der 10.8.955 an dem die Ungarn auf dem Lechfeld besiegt wurden. Später gingen diese neu gewonnenen ostelbischen Gebiete im Zuge des Slawenaufstandes wieder verloren. Während dieser Zeit setzte auch die Missionierung ein. Im 9. und 10. Jahrhundert wurde diese verstärkt unter den „Heiden“ in Osten und Norden betrieben, sie wurde als Aufgabe des christlichen Reiches angesehen. Diese friedliche Besiedlung durch Angehörige der Katholischen Kirche näherte die slawischen Völker der christlichen westlichen Bevölkerung an und ebnete so auch den Weg für die spätere Kolonisation durch Ritter, Bauern, Händler und Bergleuten. Die Kirche besaß zu dieser Zeit viel Macht und nachdem die Germanen bereits christianisiert waren, war es ihr natürlich ein großes Anliegen ihren Glauben weiter zu verbreiten. Die Missionare waren außerdem Teil der klerikalen Welt, deren lateinische Schriften den Hauptanteil der schriftlichen Überlieferung dieser Zeit tragen. Magdeburg wurde beispielsweise 968 zum Erzbistum, ab dem 11. Jahrhundert wurden verstärkt Klöster angelegt. Diese prägen auch heute noch die Räume östlich der Elbe, Böhmen und Mähren und auch den Ostseeraum, um einige räumliche Beispiele zu nennen. Besonderen Anteil hatte hieran der Zisterzienserorden. In dieser Phase wurden hauptsächlich Lehnwörter aus dem Deutschen in das Slawische übernommen. Sie stammen aus dem Lateinischen und Griechischen, wurden im Deutschen zu Lehnwörtern und im Slawischen schließlich zu Lehnwörtern deutscher Herkunft und lateinischen oder griechischem Ursprung. Dabei handelt es sich in erster Linie um Bezeichnungen aus dem klerikalen Bereich. Beispiele: ahd: almousan, altari, klostar; tschechisch: almuzna, oltar, klaster; deutsch: Almosen, Altar, Kloster. Hier erkennt man bereits, dass die Übernahme der Wörter dann erfolgt, wenn es in der eigenen Sprache noch keine Bezeichnung für ein Ding oder eine Sache gibt. So werden die Begriffe aus der fremden Sprache mit dem Kulturgut und ihrer Bedeutung in die eigene integriert. Das Wort wird in Lautung und Graphie angepasst und fügt sich auch in die neue Grammatik ein. Dieser Anstieg der Klöster und Bistümer fällt mit dem Beginn der Hochphase der Ostbesiedlung zusammen, die vom 12. – 14. Jahrhundert anhält. Dieser Zeitraum ist es auch, der im Besonderen für die Vergrößerung des deutschen Sprachraums verantwortlich ist. Neben der Kirche, war auch die Hanse ein wichtiger Motor für die Ausdehnung des Deutschen. Die Niederdeutschen Händler drangen bis in die baltischen Staaten vor und in Zuge des allgemeinen Anstiegs von Schriftstücken, hinterließ auch die Hanse Urkunden in mittelniederdeutscher Sprache. In dieser Phase der Ostbewegung gibt es aber zahlreiche weitere Antriebskräfte der Wanderungsbewegung. Durch die Verbesserung der landwirtschaftlichen Produktion (Dreifelderwirtschaft/Metallpflug), steigen die Geburten und damit die Bevölkerung, so dass im Altsiedelland Bevölkerungsdruck entsteht. In der Folge blühen Handel und Gewerbe, es kommt vermehrt zu Stadtgründungen. Gleichzeitig werben die slawischen Fürsten um Siedler aus dem Westen. Diese sollen im Osten die Bevölkerung erhöhen, bei der Urbarmachung und dem Landausbau helfen und nicht zuletzt die häufig instabilen Grenzen sichern. Um die Ansiedlung attraktiver zu machen, erhielten die Siedler häufig Privilegien von den slawischen Fürsten. So wurde ihnen das Land im Anerbenrecht zugewiesen und das deutsche Recht wurde ausgeübt. Bei Stadtgründungen durch deutsche Siedler in den von Fürsten geplanten Städten wurde meist das Recht übernommen, welches die Siedler aus ihrer Heimat mitbrachten, den sogenannten Mutterstädten. Neben der Verlagerung von Menschen wurde also auch die deutsche Kultur in die Gebiete gebracht. Dazu gehört natürlich auch die deutsche Sprache. Verschiedene Faktoren verstärken allerdings die Assimilierung der Slawen durch das Deutsche. Zum einen wurde den Siedlern ihr eigenes Recht zugestanden. Da es sich bei den Siedlungsgebieten aber häufig um Kontakträume handelte in denen die Menschen slawischer und germanischer Herkunft zusammen lebten, musste für das Rechts- und Gerichtswesen eine einheitliche Regelung gefunden werden. Zunächst galt das „Prinzip der Personalität des Rechts“, wonach jeder unter dem Recht seiner Herkunft zu verurteilen war. Dazu gehörte auch, dass der Beklagte in einer Sprache angesprochen werden musste, auf die er auch antworten konnte. Also die Muttersprache. Je mehr deutsche Wörter aber in das Slawische eingingen, je höher der Anteil der deutschsprachigen Bevölkerung war, desto häufiger konnten auch die Slawen die deutschen Mundarten verstehen und sprechen. Auf diese Entwicklung und damit das Gerichtswesen funktionsfähig blieb wurden ab 1293 Sprachverbote verhängt. Diese versahen das Deutsche mit dem Recht einzige zugelassene Sprache zu sein. Natürlich konnten diese nicht von heute auf morgen durchgesetzt werden, das Verstummen des Slawischen tritt mit einer zeitlichen Verzögerung ein. Diese Verbote wären aber nicht möglich gewesen, wenn nicht bereits ein großer Teil der slawischen Bevölkerung des Deutschen mächtig gewesen wären. Zahlreiche Lehnwörter aus den Bereichen Stadt, Bergbau, Gericht, Kirche, Handel und Rittertum hatten den Weg geebnet. Aus
Die wandernden Gruppen und damit auch die wandernden Sprachen bewegten sich mehr oder weniger entlang des Breitengrades ihrer Heimat von West nach Ost. Das heißt demnach für die Dialekte unserer Region (ripuarisch, moselfränkisch, rheinfränkisch) eine Durchmischung untereinander in den östlichen Gebieten, beispielsweise Böhmen und Mähren, als das heutige Tschechien. Die westmitteldeutschen Mundarten schlossen sich also in den östlichen Gebieten neu zusammen und ließen dort die ostmitteldeutschen Dialekte entstehen. Weiter östlich nimmt die Überprägung des Slawischen durch das Deutsch immer mehr ab, übrig bleiben Lehnwörter und vereinzelte Sprachinseln. Man kann die sprachlichen Kontakträume nach drei Sprachmischungsgraden unterscheiden: Assimilation, Lehnwortbildung und Sprachinselbildung. Nimmt man die heutigen Staatsgrenzen als Ausgangspunkt, so zeigen die Grenzen gleichzeitig die Grenzen der jeweiligen Sprache an. Die übergeordneten Verkehrssprachen haben in weiten Teilen die Dialekte abgelöst und markieren die Grenzen zu fremden Sprachgebieten. Natürlich sind die Grenzen der Dialkete in den Grenzgebieten fließend oder es herrscht in weiten Teilen Zweisprachigkeit vor. Auch Sprachinseln sind je nach ihrem Sonderrechten starkem Kontakt mit der „Amtssprache“ ausgesetzt und nehmen Wörter, Grammatik, Phonologie oder anders aus der Kontaktsprache in sich auf. Im Mittelalter drangen deutsche Siedler und Sprachen weit bis in den Osten vor und auch später gab es immer wieder deutsche „Landnahmen“ auf osteuropäischem Gebiet. Seit den Aussiedlungen nach 1945 sind die damaligen deutschen Siedler aber zurück in ihren Ausgangsregionen, wo sie nun wiederum Sprachinseln bilden, da ihre Muttersprache inszwischen das Russische ist und das Deutsche höchstens noch als Zweisprache oder in Bruchstücken vorhanden ist. Mit der Abnahme der Bevölkerung Mitte des 14. Jahrhundert in Folge der europäischen Pestepidemie fand auch die Besiedlung ein vorläufiges Ende. Ein weiteres wichtiges Merkmal der Zeit und Ursache für die Verbreitung der deutschen Sprache sind die Kreuzzüge. Schon immer gab es Pilgerreisen ins Heilige Land, die Anzahl der wandernden Menschen erhöhte sich aber während der Kreuzzüge immens. Die Ungarn warben zu dieser Zeit Siedler für den südlichen Karpatenbogen an, dem heutigen Siebenbürgen oder Transilvanien. Diese Siedler sollten in erster Linie die Grenze gegen Übergriffe der Türken schützen und erhielten dafür zahlreiche Sonderrechte, so dass eigene Kultur und Sprachräume innerhalb eines anderen Kulturraumes entstehen und bewahrt werden. So haben sich die deutschen Dialekte, die ebenfalls hauptsächlich aus dem mosel- und rheinfränkischen stammen, bis heute bewahrt. Allerdings waren auch sie weiterem Sprachwandel ausgesetzt, ebenso wie die gesamte deutsche Sprache. Wandel tritt in allen deutschsprachigen Gebieten auf, das Ergebnis variiert aber stark je nach den beeinflussenden Faktoren: den Ausgangsdialekten, das Verhältnis zu der umgebenden Sprache, den Möglichkeiten die eigene Sprache in administrative Vorgänge und das alltägliche Leben einzubinden. Noch heute gibt es in der Lausitz die slawische Sprechergruppe der Sorben. Ihre Sprache ist gesetzlich „abgesichert“, dennoch nimmt die Zahl der Sprecher ab. Hier handelt es sich allerdings um den umgekehrten Fall: eine slawische Sprache ist innerhalb des deutschen Sprachraumes erhalten geblieben.
Außer der Ostkolonisation durch mittelhochdeutsche Sprecher gibt es natürlich viele andere Emigrationsbewegungen die von Deutschland oder dem deutschsprachigen Raum ausgehen. So gibt es beispielsweise in den USA das Texasdeutsche. Obwohl die Sprache bereits sehr vom Amerikanischen beeinflusst ist, ist sie als deutsche Mundart zu erkennen. Die deutschen Siedler kamen hier zur Zeit der Industrialisierung und dem Amerikanischen Landausbau an. Gefördert wurde die Siedlungsbewegung von den schlechten Bedingungen im Heimatland und der „Mainzer Adelsgesellschaft“ einem Verein, der die Auswanderung Deutscher in die USA unterstützte, wirtschaftlich aber nicht sehr erfolgreich war. Die ersten Menschen kamen aus dem Raum Oldenburg und dem Münsterland, es wanderten aber Menschen aus ganz Deutschland in die USA ab. Die Texasdeutschen öffneten ihre sprachliche Grenze erst spät dem Englischen. Auch sie besaßen Sonderrechte und konnten so lange das Deutsche innerhalb ihrer Sprachinsel erhalten. Heute ist der Dialekt nicht mehr als deutsche Sprache zu bezeichnen. Die Sprache, welche im Raum Fredricksburg und New Braunfels gesprochen wird kann eher als amerikanische Mundart bezeichnet werden, die ein verstärktes Vorkommen deutscher Lehnwörter aufweist.
Moderne Sprachinsel entstehen im Moment beispielsweise an der Mittelmeerküste Spaniens, in den deutschen „Rentnerparadiesen“. Falls sich alle Sprecher der Standardsprache bedienen, sind die Wandelerscheinungen innerhalb des Deutschen eher gering. Entscheidender ist hier der Kontaktraum zur Fremdsprache Spanisch, die ja auch als Verkehrssprache für bürokratische Angelegenheiten vorgegeben ist. Die Standardsprachen sind auch für die Verwischung und den Rückgang der Mundarten verantwortlich.