martin luther
Der Einfluss Martin Luthers auf die Entwicklung der neuhochdeutschen Standardsprache
Martin Luther und sein Werk haben aus verschiedenen Gründen einen entscheidenden Beitrag zur Entwicklung der neuhochdeutschen Standardsprache geleistet. Häufig wurde er auch als „der“ Begründer des Neuhochdeutschen angesehen, allerdings ist auch diese sprachliche Entwicklung, ebenso wie alle anderen, vielen unterschiedlichen Einflüssen ausgesetzt, weswegen Luther nicht als „Non-Plus-Ultra“ des Standarddeutschen angesehen werden kann. Im Folgenden soll dargestellt werden, weshalb er dennoch einen großen Anteil daran hatte und welche persönlichen und allgemein zeigeschichtlich-gesellschaftlichen Ursachen es hierfür gibt.
Ein entscheidender Punkt ist in der persönlichen Motivation Luthers zu suchen. Er wollte die kirchlichen Schriften auch für die lateinunkundigen Laien zugänglich machen und begann deswegen verstärkt in deutsche Sprache zu publizieren. Zwar verlangten die Umstände häufig noch einer lateinischen Version, aber in solchen Fällen übersetzte Luther die Texte häufig später auch ins Deutsche. Aber nicht nur seine Schriften erschienen auf Deutsch. Er engagierte sich für eine Liturgie in der Volkssprache und predigte selbst konsequent auf Deutsch. Außerdem durchmischte er seine Vorlesungen an der Universitätt Wittenberg immer wieder mit deutschen Sequenzen und plädierte für ein deutschsprachiges Schul- und Bildungswesen.
Das er die kirchlichen Schriften auch den Laien zugänglich machen wollte hatte verschiedene Beweggründe. Schon früh beschäftigte sich Luther mit der Bibel und nach einem prägenden Erlebnis trat er einem katholischen Orden bei. Es war die Zeit der Humanisten und Weltentdeckungen, so dass die Menschen in ihrem Weltbild erschüttert waren. Die eigene Umwelt wurde kritisch überdacht, wozu auch das Machtverständnis und -verhalten der Katholischen Kirche gehörte. Diese war geteilt in den klerikalen Adel und die breite ungebildete Masse des niederen Klerus (Mönche und Priester). Der Erhalt der politischen und finanziellen macht, beispielsweise durch den Ablasshandel, waren für den klerikalen Adel wichtiger als ihre eigentlichen Aufgaben wie die Seelsorge oder das Erteilen der Sakramente. Wegen dieser Missstände wandte sich Luther von der Katholischen Kirche ab. Grundlage für seinen Glauben wurde die Bibel. Nur die Worte der Heiligen Schrift stellten für ihn das Glaubensbekenntnis dar, er wendet sich vom Papsttum ab und legt so den Grundstein für den Protestantismus. In diesem Zusammenhang war ihm die Verbreitung der Bibel unter den Laien ein besonderes Anliegen. Auch sie sollten zum „wahren“ Glauben durch die Bibel zurückfinden und die Katholische Kirche kritisch reflektieren.
Durch seine zahlreichen Reisen innerhalb des Reiches war sich Luther über die Vielfältigkeit der deutschen Mundarten bewusst. Er bemerkte, dass sich die Menschen „in 30 Meilen Entfernung“ bereits nicht mehr verstünden und war deswegen in seiner Sprache in besonderer Weise um einen Ausgleich bemüht. Dabei kam ihm seine eigene sprachliche Sozialisation zugute. Seine Eltern stammten aus dem ostmitteldeutschen Sprachraum des Thüringischen. Während seines Lebens geriet er vom Ostmitteldeutschen ausgehend in die Grenzregionen zum Niederdeutschen sowie zum Oberdeutschen. Außerdem traf er an der Universität auf Kollegen und Studenten aus den verschiedensten deutschen Mundarten. Dieser intensive und variierende Sprachkontakt Luthers fand seinen Niederschlag in seiner eigenen Sprache. Es ist wohl nicht nur in Luthers Schriften, sondern auch in seiner mündlichen Rede zu Ausgleichserscheinungen gekommen. Dies heißt aber auch, dass für eine Rezeption der Bibel unter den laien mehr nötig war als nur die Übersetzung der Bibelurtexte in den ostmitteldeutschen Dialekt Luthers. Aus dem Ostmitteldeutschen musste eine Annäherung an das Niederdeutsche und Oberdeutsche, sowie die westmitteldeutschen Mundarten stattfinden. Dieser Prozess wurde nicht nur von Luther selbst initiiert. Stattdessen spielen die verschiedenen Drucker- und Kanzleisprachen und natürlich auch die jeweiligen Einstellungen der Sprachgebiete zum Protestantismus eine entscheidende Rolle. Luther selbst orientiert seine Sprache an der Sächsischen Kanzler, die zu dieser Zeit der wichtigste Ausgangspunkt für politische Entscheidungen und Urkunden ist. Entscheidungen des Kaisers, die das gesamte Reich betreffen, finden von dieser Kanzlei aus ihre Verbreitung, weswegen die verwendete Sprache ebenfalls Ausgleichserscheinungen aufweist. Des weiteren orientierte sich Luther am „gemeinen Deutsch“, einer Ausgleichsmundart im oberdeutsch-ostmitteldeutschen Grenzgebiet. Dieser Dialekt gründet sich auf dem gemeinsamen Bedürfnis des Verstandenwerdens ihrer Sprecher und Schreiber und handelt so ganz im Sinne Luthers auf dem Weg zu einer übergreifenden Verständigungssprache. Außerdem verweist diese Orientierung noch auf eine andere Eigenart der lutherischen Sprache. Luther wendet sich nicht nur vom Lateinischen, sondern auch von unverständlichen Formulierungen ab. Er nähert seine Sprache der des „gemeinen“ Mannes an, was Thomas Mann in späterer Zeit dazu veranlasste die Sprache Luthers als „grobianistisch“ zu bezeichnen. Man könnte sagen, dass Luther sagte (schrieb) was er dachte, ohne zu Beschönigen oder langatmige Umschreibungen und Vergleich zu verwenden. Neben dieser Orientierung Luthers an bereits um Ausgleich bemühten Schrift- und Sprechsprachen, unterzog er seine Bibelübersetzung immer wieder Korrekturen. Diese Korrekturen fanden zusammen mit seinen universitären Kollegen aus anderen Sprachregionen statt, so dass es möglich war die geläufigsten Wörter für einen Begriff zu ermitteln. Außerdem dienten die Korrekturen der Stabilität und Kontinuität in Graphie, Wort- und Statzstellung sowie der Grammatik. Allerdings gilt diese gezielte, von Luther selbst ausgehende Überarbeitung seines Bibeltextes nur für von ihm autorisierte Nachdrucke der Bibel. Die Buchdruckerkunst besaß je nach Standort unterschiedliche Druckersprachen und teilweise kam es zu eigenmächtigen Veränderungen des Luther-Textes durch die Drucker, so dass eine sprachliche Annäherung an das jeweilige Sprechergebiet stattfand. Eine andere Art der Annährung fand durch das Erstellen von Glossaren statt, mit deren Hilfe schwer zu verstehenden Ostmitteldeutsche Lexeme Luthers erklärt wurden. Vor allem im oberdeutschen Sprachraum kam es aber zu einer Ablehnung der Luther-Bibel und ihrer Sprache. Dies hat seine Ursache in den unüberwindbaren Differenzen zwischen den oberdeutschen Katholiken und den Anhängern der Reformation. Trotzdem nutzen häufig auch die Katholiken Luthers Bibelübersetzung, was wiederum für ihre allgemeine und breite Akzeptanz steht. Andererseits konnte das Hochdeutsche Luthers weit in die niederdeutschen Regionen vordringen, da hier eine breite Akzeptanz des Protestantismus vorhanden war. Deswegen trägt Luther entscheidenden Anteil am Ausgleich zwischen dem Niederdeutschen und dem Oberdeutschen. Überhaupt fördert die Glaubensspaltung durch den Reformator die Verbreitung seiner Sprache in hohem Maß. Um den neuen Glauben zu verbreiten waren im 16. Jahrhundert zahlreiche Wanderprediger im Reich unterwegs. Diese stützten sich natürlich auf die Luther-Bibel, lasen daraus vor oder zitierten Textpassagen, so dass die Sprache auch innerhalb der Leseunkundigen bekannt wurde. Außerdem erhöhte die Popularität Luthers das Interesse an seinen Schriften, schließlich geriet durch seine Ideen ganz Europa in Aufruhr, bis hin zu den Bauernkriegen.
Ohne die revolutionäre Erneuerung des Buchdrucks ist die enorme Verbreitung Luthers Schriften nicht denkbar. Allerdings spielt dabei auch der Inhalt seines Werkes eine entscheidende Rolle. In einer Zeit, in der der Glaube den Grundstein des menschlichen Daseins bildet, kann nur ein Schriftstück wie die Bibel eine solche große Akzeptanz erfahren. Ein literarisches Werk hätte niemals eine solche Resonanz hervorgerufen, da hierfür das Interesse der Bevölkerung schlicht unzureichend gewesen wäre- Neben der deutschen Bibelübersetzung verfasste Luther auch deutsche Gesangsbücher und Psalmen, so dass gesagt werden kann, dass die Bedeutung der Institution Kirche bei der Verbreitung der Luther-Sprache eine größere Rolle gespielt haben mag als die Bemühungen Luthers selbst. Nur durch die Konfessionen war es auch möglich alle Stände und Bevölkerungsschichten zu erreichen. Die Schrift verbreitete sich unter den Bauern (Bauernkriege) ebenso wie unter den adeligen Geschlechtern und den Kaufleuten. Auch wenn Luthers Protestantismus nicht der einzige blieb, so ist seine Bibel doch Grundlage der unterschiedlichen Richtungen. Verschiedene Bibelübersetzungen der Folgezeit beziehen sich alle auch auf den Text Luthers. Seine Texte fanden also einen großen Leserkreis. Wenn nur wenige Menschen seine sprachausgleichenden Werke gelesen hätten, wäre es den Ausgleichserscheinungen seiner Sprache nicht möglich gewesen sich zu manifestieren. Ein Beispiel hierfür ist auch die jahrhunderte anhaltende Verwendung der Luther-Bibel als „universale“ Schulbuch für nahezu alles Fächer. Grade diese Verwendung in der schulischen Sprachbildung führte zur Vereinheitlichung der Sprache der jüngeren Generationen.
Trotzdem sollten Luthers persönlichen Bemühungen um einen deutschen Sprachausgleich nicht unterschätzt werden. Aber eben auch nicht überschätzt. Sein entscheidender Verdienst ist das Erkennen der Notwendigkeit eines Sprachausgleichs zum Erlangen einer allgemein geltenden Verständigungsmöglichkeit. Der große und langanhaltende Einfluss seiner Werke auf die Entwicklung des Standarddeutschen ist aber ohne das Zusammentreffen der unterschiedlichen Faktoren undenkbar. Der Buchdruck, die Thematik seiner Schriften, die deutsche Verschriftlichung, die Akzeptanz der neuen Religion, der Einfluss der Kirche und viele andere zeitgeschichtliche Vorgänge haben ebenfalls entscheidenden Anteil an Luthers Erfolgen. Wie alle Sprachwandelphänomene ist auch der Sprachausgleich kein Vorgang, der nur von einer Person initiiert und vollzogen werden kann.