die zweite lautverschiebung
Die 2. Lautverschiebung
In jeder Sprache gibt es Vorgänge durch die Sprache geändert wird. Dies ist das Phänomen des Sprachwandels. Im Mittelpunkt dieser sprachlichen Veränderungen steht der Sprecher, welcher in erster Linie für Sprachwandel verantwortlich ist, allein durch das Äußern seiner Sprechakte. Hinter dem Phänomen stehen viele verschiedene Sprachwandel- und Sprachtheorien, die in ihrer Gesamtheit möglicherweise zu einem allgemein gültigen wissenschaftlichen Standpunkt führen. Eine Annahme geht vom Ökonomieprinzip aus. Diesem Prinzip zufolge handelt jeder Sprecher unterbewusst nach bestimmten Maximen, die dem Prinzip der Ökonomie unterliegen. Die Einhaltung festgelegter Regeln ist dem Sprecher weniger wichtig, wichtiger sind Einfachheit, Kürze, das Verstanden werden und ähnliches. Ein prägnantes Beispiel ist hier die Kindersprache. Instinktiv wählen Künder beim Spracherwerb den „Weg des geringsten Widerstandes“ und bilden ihre Verben schwach. Die schwierigeren starken Formen müssen hingegen erst gelernt werden. Gehen solche neuen Formen fest in den Sprachbestand ein ist der Wandel vollzogen. In diesem Fall ist hiervon die Grammatik betroffen; Sprachwandel kann aber alle Bereiche des Systems Sprache betreffen. Bei der 2. Lautverschiebung wurde die Phonologie und in diesem Zusammenhang auch die Graphie verändert. Schließlich mussten die veränderten Laute auch in der Schrift sichtbar gemacht werden.
Für Lüttke findet Sprachwandel als Stafettenkontinuität statt. Erst wenn ein Wandelphänomen von einer gesamten Generation angenommen worden ist, führt es auch zu einer dauerhaften Regelveränderung. Weitere Erklärungen sind die Invisible-Hand-Erklärung von Keller, die Sprachevolution oder auch der Zusammenhang zwischen Frequenz und Länge von Sprachelementen. Ein solches Sprachwandelphänomen ist auch die 2. Lautverschiebunge. Bei ihrer Erforschung gibt es etliche Theorien, aber keine vollkommen gesicherten wissenschaftliche Erkenntnisse. Man versucht sie als historisches Wandelphänomen zu analysieren, als ein Vorgang, der sich zu einem bestimmten Zeit und innerhalb einer bestimmten räumlichen Begrenzung im Deutschen vollzogen hat.
Entdeckt wurde die 2. Lautverschiebung im Jahr 1822 von Jakob Grimm. Er beschreibt das Phänomen in seiner „Deutschen Grammatik“ und bezeichnete die 2. LV dort auch als „Hochdeutsche Lautverschiebung“ im Gegensatz zur 1.- oder „Germanischen Lautverschiebung“. Der Terminus könnte implizieren, dass vom Vorgang der 2. LV alle Laute betroffen sind. Allerdings handelt es sich nur um bestimmte Laute und Lautkombinationen, die hiermit gemeint sind. Grimm spricht von „stummen Konsonanten“ und schließt Liquide, Spiranten, Vokale sowie flüssige und hauchende Konsonanten von diesem Vorgang aus. Während sich die Froschung über den von Grimm beschriebenen phonologischen Vorgang weitestgehend einig ist, gibt es zu den Ursachen, der Entstehungszeit, dem Ausgangsgebiet und der räumlich-zeitlichen Bewegungsabläufe höchst unterschiedliche Thesen und Annahmen. Die 2. LV als historisches Sprachwandelphänomen ist also nur schwer zu bestimmen.
Bei den phonologischen Vorgänge handelt es sich erstens um die Tenuesverschiebung, zweitens um die Medienverschiebung. Im Folgenden wird zuerst die Tenuesverschiebung als wichtigster Vorgang der 2. Lautverschiebung, im Anschluss die Medienverschiebung erklärt.
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Tenuesverschiebung
Grundsätzlich kann gesagt werden, dass die stimmlosen germanischen Verschlusslaute p, t und k zu den stimmlosen Reibelauten f, z und h verschoben wurden. Hierbei gibt es allerdings Unterschiede, je nachdem in welcher Stellung sich die ursprünglichen germanischen Laute im Wort befinden. Stehen p, t, k nach einem Vokal, also in postvokalischer Position, so verändern sie sich zu den doppelten stimmlosen Reibelauten ff, zz und hh. In der Folgezeit wird diese Dopplung aber nach langem Vokal und im Auslaut wieder rückgängig gemacht. Befinden sich die Konsonanten im Anlaut oder stehen sie nach einem Konsonanten, verschieben sie sich zu den Affrikaten pf, tz und kch. Später wird die Affrikata pf nach den Liquiden r und l zum einfacheren f weiter verschoben. Die Verschiebung zu Affrikaten vollzieht sich außerdem dann, wenn sich die Konsonanten in Gemination befinden. Ausnahmen von diesen Vorgängen treten meist dann auf, wenn die Artikulation der verschobenen Phoneme zu schwierig geworden wäre. So bleibt das germanische t in Kombination mit f, h, r, k und s erhalten. P und k in Kombination mit s ebenfalls.
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Medienverschiebung
Bei der Medienverschiebung, die schwächer ist als die Tenuesverschiebung und später einsetzt, werden die stimmhaften germanischen Verschlusslaute b, d und g zu den stimmlosen Verschlusslauten p, t und k im Althochdeutschen verschoben. Dieser Vorgang ist vor allem im Bairischen zu beobachten. Die Medienverschiebung ist nicht konsequent vollzogen worden und wird seit dem 11. Jahrhundert partiell wieder rückgängig gemacht. Nur die Verschiebung von d>t ist im gesamten Hochdeutschen Sprachgebiet zu beobachten, während b > p und g > k nur im Oberdeutschen verschoben wurden. Diese Verschiebungen sind es auch, die in der Folgezeit wieder aufgehoben wurden.
Bei diesen Beiden Vorgängen der 2. LV ist von einer vorhandenen Chronologie auszugehen. Allerdings herrscht hierüber und über die Gründe für die Chronologie keine Einigkeit unter den Forschern, wie bei so vielen Sachverhalten der 2. Lautverschiebung. Die verbreiteteste Annahme geht von einem ersten Stadium der 2. LV aus, in dem p, t und k in postvokalischer sowie t in nicht-postvokalischer Stellung verschoben worden sind. Dem folgt die Verschiebung von p und k in nicht-postvokalischer Stellung. Das Ende der Verschiebungsakte bildet schließlich die Medienverschiebung. Die phonologische Verschiebung beginnt also mit den dentalen Lauten. Zeitlich versetzt folgen dann die Labiale und Velare. Von dieser Chronologie kann laut Forschung deswegen ausgegangen werden, weil die Verschiebungen der einzelnen Laute einen unterschiedlichen geographischen Verbreitungsgrad aufweisen.
Die Ursachen der 2. Lautverschiebung können nicht genau festgelegt werden. Ebenso wenig ist sich die Forschung über den Ausgangsraum und die Entstehungszeit einig. Im Bezug auf die Ursachen muss von äußeren und inneren Faktoren gesprochen werden, die Einfluss auf die Entwicklung der Sprache nehmen. Ein wichtiger Standpunkt ist dabei die Mischung verschiedener Dialekte aufgrund von Wanderungsbewegungen der Stämme. An diesen Punkten begannen sich die Sprachen anzupassen und die einfacheren Formen aus der eindringenden Sprache zu übernehmen. Allerdings ist dabei nicht geklärt, ob das Alemannische, das Bairische oder aber das Ostfränkische als erste Sprache von der Lautverschiebung beeinflusst wurde. Auch eine einfachere Artikulation der Wörter kann Ursache sein. Meiner Meinung nach ist davon auszugehen, dass eine Mischung der vorhandenen Sprachwandeltheorien für die 2. Lautverschiebung verantwortlich ist und es nicht möglich ist, die Ursache nur auf einen Punkt zu beschränken. Der Ausgangsraum wird von vielen Forschern im Süden des Sprachraumes gesehen, das heißt also, die 2. Lautverschiebung hat ihren Ursprung entweder im Alemannischen, dem Bairischen oder dem Ostfränkischen. Vom Süden breitete sie sich nach Norden hin aus. Es gibt aber auch Theorien, die diesem räumlich-zeitlichen Ablauf widersprechen. So gibt es Annahmen, die zweite Lautverschiebung habe sich von Norden nach Süden ausgebreitet, ebenso wie die Aussage, die 2. LV habe ich unabhängig voneinander mehr oder weniger gleichzeitig in verschiedenen Dialekten vollzogen. Genauso unterschiedlich sind die Annahmen im Bezug auf die Entstehungszeit. Man geht davon aus, dass sie im Süden früher im Norden später vollzogen wurde. Allerdings findet man für ihren Beginn Angaben die im Jahr 0 ansetzen bis hin zu Zeitpunkten um 800 n. Chr. Das Phänomen der 2. Lautverschiebung scheint wissenschaftliche nicht fassbar zu sein.
Diese Probleme bei der Erforschung und Bestimmung der 2. LV ergeben sich aus verschiedenen Gründen. Ein Problemfeld ergibt sich aus der Übernahme des lateinischen Alphabets für die graphische Darstellung des Germanischen bzw. des Althochdeutschen. Das lateinische Alphabet besitzt nur eine beschränke Anzahl an Lauten, die für die Darstellung der germanischen Lautvielfalt nicht ausreichend war. Deswegen ist ein einzelnes Graphem unter Umständen von mehreren voneinander abweichenden Lauten besetzt. Ein weiteres Problem ergibt sich aus der großen Unterschiedlichkeit der verwendeten Graphien für identische Laute. Dabei muss aber davon ausgegangen werden, dass die althochdeutschen Schreiber bemüht waren, das Geschriebene so gut als möglich dem Gesprochenen, also der Phonologie, anzupassen. Problematisch bei der Erforschung des Phänomens ist außerdem das Fehlen von Hörproben und auch die Überlieferungslage, da die meisten Texte nur in Abschriften und nicht in Originalen erhalten sind. Deswegen sind natürlich Aussagen über die wirkliche Aussprache der Grapheme nur bedingt zu machen. Die empirischen Methoden reichen in diesen Bereichen nicht aus, um eine wissenschaftlich unumstößliche Aussage zu treffen. Dies gilt für fast alle Aspekte der 2. Lautverschiebung. Neben der Überlieferung sind die Mundarten ein wichtiger Ausgangspuntk für die Erforschung des historischen Vorgangs.
Dialekte gelten als resistenter gegenüber Sprachwandel, sie können sozusagen als Zeugen der vergangenen „Sprach- oder Sprechzeit“ angesehen werden. Natürlich gilt auch dies nur in einem bestimmen Maß. Die 2. LV hat sprachliche Grenzen herausgebildet, mit deren Hilfe „Sprachterritorien“ untergliedert werden können. Innerhalb des Rheinischen Fächers befindet sich das Mitteldeutsche, unterhalb von ihm das Oberdeutsche. Der Rheinische Fächer besitzt seinen Namen deswegen, weil er das Land innerhalb des Wassereinzugsgebietes des Rheins umfasst. Die nördlichste Grenze bildet die Benrather Linie. Jenseits von ihr, also außerhalb des Fächers in Norddeutschland, befindet sich das niederdeutsche Sprachgebiet. Dieses blieb von der 2. Lautverschiebung unberührt und grenzt sich so vom Hochdeutschen ab, welches Mitteldeutsch und Oberdeutsch umfasst. Ihren Namen hat die Benrather Linie von dem Ort Benrath bei Düsseldorf, einem ihrer Schnittpunkte. Sie trifft aber auch Aachen und verläuft in nordöstlicher Richtung bis Frankfurt/Oder. Im Nordwesten liegt die Ich/Ik-Linie noch oberhalb von ihr. Die Benrather Linie heißt auch machen/maken-Linie und zeit damit die weiteste Verschiebung von k > ch an. Unterhalb von ihr, zur geographischen Nordgrenze der Eifel hin, liegt die dorf/dorp-Linie (p > f) oder auch Eifel-Linie, die mit der machen/maken-Linie den Kölner- bzw. ripuarischen Kultur- bzw. Sprachraum umfasst. Weiter südlich folgt die das/dat bzw. Hunsrücklinie und begrenzt so den moselfränkischen Sprachraum der Region Trier. Diese Linie ist auch unter dem Namen Hunsrückschranke bekannt. Hier wird der Hunsrück als Mittelgebirge als entscheidende Barriere für das Vordringen der 2. LV in Richtung Norden angesehen. Anstelle eines Gebirges besteht die Schranke der apfel/appel-Linie aus dem unteren Neckar- und dem Maintal. Dies ist der rheinfränkische Sprachraum. Unterhalb dieser Linie beginnt das Oberdeutsche Sprachgebiet in dem die 2. LV vollständig vollzogen wurde; es umfasst das Alemannische, das Bairische und das Ostfränkische. Für die Beispiele, die durch die Linienbezeichnungen gemacht werden, heißt das also: apfel, das, dorf, machen, ich im Oberdeutschen, so wie wir es auch dem heutigen Hochdeutsch kennen. In den nördlich des Oberdeutschen anschließenden mitteldeutschen Sprachgebieten nimmt die 2. Lautverschiebung kontinuierlich ab, nicht mehr alle Verschiebungen werden durchgeführt. Dies ist heute nicht nur in den Mundarten, sondern auch in der regional gefärbten Hochsprache zu erkennen. Neben den so definierten Grenzen von Niederdeutsch zu Mitteldeutsch und Oberdeutsch als Hochdeutsch markiert die 2. Lautverschiebung aber auch den diachronen Übergang vom Germanischen zum Althochdeutschen, so wie die 1. Lautverschiebung vom Indogermanischen zum Germanischen.
Die 2. Lautverschiebung kann als ein entscheidender Faktor für die Entwicklung des heutigen Hochdeutschen angesehen werden, allerdings zeigt eine Beschäftigung mit dem Thema, dass es unmöglich scheint das Phänomen mit all seinen Facetten wissenschaftlich zu belegen. Zu viele Faktoren gilt es zu beachten, die Annahmen sind vielfältig und kontrovers. Wie weit hängen die sprachlichen Veränderungen mit den Machtverhältnissen der damaligen Zeit zusammen? Bewegte sich die Lautverschiebung von Süden nach Norden oder umgekehrt? In welcher Sprache ist sie zuerst aufgetreten? Wann hat sie begonnen und wann war sie beendet? Diese und viele weitere Fragen können kaum beantwortet werden, auch wenn sich die Forschung immer wieder darum bemüht. Scheint es in diesem Zusammenhang nicht sinnvoller, die Unlösbarkeit der offenen Fragen zu akzeptieren? Statt sich mit unabänderbaren vergangenen Ereignissen zu beschäftigen, sollte sich die Sprachforschung lieber mit heutigen Sprachwandelphänomenen beschäftigen, die zahlreich vorhanden sind. Grade auch für die Ursachen der 2. Lautverschiebung könnte eine solche Beschäftigung sinnvoller sein, als die Mutmaßungen über die Vergangenheit. Schließlich ist, auch mit dem Wissen über die unterschiedlichen Sprachwandeltheorien, anzunehmen, dass die Ursachen für Sprachwandel damals wie heute nicht sehr unterschiedlich sein können.